Montag, 14. Oktober 2013

Der Sieg des Kapitals von Ulrike Herrmann

Ein Buch das man jedem nur empfehlen kann. Es werden viele Beispiele aus der Vergangenheit und Gegenwart erbracht, welche Mythen der Neoliberalen wie auch der Linken eindrucksvoll widerlegen. So fragt sie, zu Recht, wie man von einer Marktwirtschaft reden kann, wenn 1% der Unternehmen in Deutschland 65% des Umsatzes generieren und dieses Bild in allen entwickelten Ländern ähnlich aussieht. Durch diese Aussage läutet sie ihre Argumentation ein, dass der Kapitalismus nicht ohne, sondern nur mit dem Staat gemeinsam existieren kann. Marktwirtschaft sei vielleicht gut, existiert aber in vielen Bereichen gar nicht. Die neoliberale Vorstellung eines freien Marktes setzt immerhin die freie Wahl voraus. Wie viel Wahl hat ein todkranker Mensch auf dem Gesundheits"markt"? 
Hier liegt auch das Grundproblem der Linken. Dort wird oft genug über Märkte geredet. Damit gestehen sie implizit den Neoliberalen zu, dass man die Märkte verbessern muss. Die Therapie ist unterschiedlich (Deregulierung vs. Regulierung), während das Ziel einer Verbesserung der Welt offiziell das Gleiche ist. Wenn man den idealen Markt und Wettbewerb weglässt, sieht man das Ganze von einem anderen Standpunkt und es geht um Organisation und Steuerung der Wirtschaft.

Warum Märkte oft gar nicht existieren
Die Voraussetzung, dass Märkte effizient sind, sind absurd und eigentlich nicht zu erreichen. Bestenfalls kann man diesen Zustand annähern.

Diese Annahmen werden für einen logischen Nachweis der Effizienz eines Marktes benötigt. Trifft man sie und glaubt damit die Realität abzubilden, dann spricht das nicht gerade für die Rationalität der Menschen. 
Man kann an diesen Punkten allerdings sehen, dass kaum ein Unternehmen diese erfüllt. Werbung soll nicht funktionieren. Apple lebt von Werbung von den persönlichen Präferenzen der Kunden. Homogenität der Güter kann in vielen Bereichen nicht erreicht werden. Wie wertet man zum Beispiel Medikamente mit Nebenwirkungen? D.h. selbst unter der Annahme eines Marktes wäre der Nachweis der unbedingten Effizienz gegenüber anderer Organisationsformen schwierig.
Noch schwieriger wird es, da die Grundvoraussetzung des Wettbewerbs, selten gegeben ist. Große Unternehmen arbeiten zusammen. Sie einigen sich auf Standards, teilweise stellen sie in bestimmten Regionen das einzige Angebot (Telekom, Energie im ländlichen Bereich). Eine Preisbildung über Wettbewerb findet nicht statt. Im Buch von Frau Herrmann wird dieses Thema deutlich genauer beschrieben. Zusammenfassen brauchen Investitionen, Sicherheit und Planbarkeit. Dies ist durch einen freien Wettbewerb nicht gegeben. 

Subventionen
Subventionen werden auch generell verdammt. Es wird gezeigt, dass diese älter als allgemein angenommen sind. Vor allem in der Nahrungsproduktion kann dies Sinn machen. In schlechten Anbaujahren würden Bauern von der Bildfläche verschwinden, welche später zur Versorgung fehlen würden. Auch hier ist die Planbarkeit und Kontinuität wichtig. Von einem Markt zu reden ist schwierig, da die Preise verzerrt werden.

Inflation-Deflation
In einem Bereich über Geld (sehr lesenswert) wird beschrieben, dass der Kapitalismus zur Deflation tendiert. Um Zinspolitik betreiben zu können, braucht man eine moderate Inflation. Spannend ist hierbei, dass der Leitzins festgelegt wird. Wenn der Leitzins, d.h. die Kosten für Geld, "willkürlich" festgelegt werden, wie kann der Finanzmarkt dann ein Markt sein?

Fazit
Ein spannendes Buch. Die große Frage, warum nicht schon die Römer den Kapitalismus erfunden haben wird versucht zu beantworten. Ich finde die Antwort schlüssig, was nicht heißt, dass diese richtig ist. Der Versuch von Frau Herrmann Kapitalismus und Marktwirtschaft als etwas Unterschiedliches darzustellen ist in meinen Augen geglückt.
 
Chris

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