Montag, 4. Juni 2012

Von Theorie und Praxis

Die Theorie ist gut – doch die Realität ist anders: Nicht nur in der Euro-Krise ein weitverbreitetes Phänomen. Die Ökonomen müssen umdenken und neben dem Theoretischen auch das Politische mitdenken. In der Krise könnte sich das als zielführender erweisen.

Thomas Straubhaars einleitende Worte verdeutlichen das eigentliche Problem der Ökonomen. Nicht etwa die Theorie

Denn was uns Lehrbuchtheorien als theoretisch richtig versprechen, kann sich in der Wirklichkeit als nicht realisierbar erweisen.

ist falsch, sondern die Realität spielt bei der Umsetzung einfach nicht mit. Statt die Modelle zu hinterfragen interessiert nur, wie man sie langfristig mit Hilfe der Politik durch Gewinnung der Meinung der Bevölkerung durchsetzen kann. Dabei zeigt sich deutlich, dass die aktuellen Modelle alles andere als tauglich sind die Realität zu beschreiben. Um sie berechenbar zu gestalten werden eine Vielzahl an Vereinfachungen durchgeführt. Diese mit Hilfe von Experimenten abzugleichen gestaltet sich schwierig. Auch die empirische Auswertung von Wirtschaftskennzahlen ist sicherlich ein guter Ansatz, aber auch hier beschränken die Modelle die Interpretation der statistisch ermittelten Daten.
Hierzu ein Beispiel. Wenn das Modell vorhersagt, dass die Zahl der Neugeborenen abhängig ist von der Zahl der Störche und man mit Hilfe der Statistik dieses Nachweisen kann ist es immer noch nicht richtig. Nun sind volkswirtschaftliche Gegebenheiten alles andere als einfach. 
Die Zusammenhänge sind komplex, nichtlinear und chaotisch. Blind auf Lehrbuchwissen zu vertrauen wie es Herr Straubhaar postuliert ist sehr gefährlich. Die getroffenen Annahmen der Modelle, wenn sie denn sauber ausgeführt sind, beeinflussen massiv das Ergebnis. Da die Wirtschaftswissenschaften wie kaum ein andere Zweig der Forschung Machtinteressen legitimieren kann, wird dies natürlich ausgenutzt. Forscher mit den "richtigen" Modellen werden mehr gefördert als Forscher mit den falschen. Obwohl sich manch Ergebnis mit einem Blick in die Geschichte leicht widerlegen lässt (Griechenland heute, vergl. Deutschland 1930), ist das Vertrauen in die mathematischen Beschreibungen ungebrochen. Dabei wird vernachlässigt, dass das beste Modell nur so gut wie die Abbildung der Realität durch Selbiges ist. In diesem Fall versagen gerade die deutschen (sichtbaren) Ökonomen. 

Chris

Kommentare:

  1. Ich frage mich ja, ob ich eventuell als ein Troll erscheinen mag, weil ich ja immer nur dagegen argumentiere, aber so toll ist das Pamphlet ja wohl nicht.
    Auch wenn sich bei mir tl;dr einstellte, so ist mir beim Überfliegen vom Text doch zumindest aufgefallen, daß der Autor selbst elementare Dinge wie die des komparativen Vorteils nicht versteht.

    Einmal ganz davon abgesehen: Wenn ein Mathematiker den VWLern - ja gar nicht einmal völlig unbegründet - die Verwendung von Tautologien vorwirft, entbehrt das ja wohl kaum einer gewissen Ironie.

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  2. "selbst elementare Dinge wie die des komparativen Vorteils nicht versteht"

    Der vielbeschworene komparative Vorteil ist im Grunde ein logisch konstruiertes Modell. Allerdings sollte in einem VWL Modell die Realität enthalten sein. Dort existieren Machtinteressen, Subventionen, Ausbeutung, Zölle, etc. Diese Dinge sind im Modell des komparativen Vorteils nicht enthalten. Dort wird mit idealen Märkten argumentiert. Es stört nicht, dass wenn Brasilien am billigisten Nahrung produzieren kann und somit alle Länder von dort importieren sollten, sie es nicht tun werden. Schließlich müssen in agralastigen Ländern die Menschen von etwas Leben. Somit müssen sie teuerer für sich selbst produzieren. Dies geht aber nicht immer also fallen sie in Armut. Wo ist der Vorteil? Er ist ein Konstrukt. Da davon ausgegangen wird, dass die Länder mit Armut irgendwann so billig sind, dass sie billiger als Brasilien (in dem Beispiel) produzieren können. Dann haben sie den Vorteil wieder.

    Des Weiteren wurde mit Hilfe des komparativen Vorteils in der dritten Welt geworben und viel Schaden angerichtet. Folgt man dieser Theorie konsequent, dann braucht man seine Wirtschaft nicht breit aufzustellen. Spezialisierungen auf einige wenige Produkte reicht. Dann ist man sehr abhängig von Preisschwankungen. Auch hier sehe ich nur einen bedingten Vorteil.

    http://www.forum-systemfrage.de/Aufbau/aa/30c/aa30c.php?tbch=aabaca&schp=global&suchZiel=global&ordner=30c

    "Wenn ein Mathematiker den VWLern"
    Mathematiker haben den Vorteil, dass ihre Modelle immer stimmen. Sie müssen sie nicht mit der Realität abgleichen.

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  3. Hier findet man einige der Grenzen von neoklassischen Modellannahmen. Bei mir stellt sich die Frage wieso sich viele von Ihnen immer noch halten (Effizienz der Märkte zum Beispiel).

    Bruce Greenwald; Joseph Stiglitz
    "Externalities in Economics with Imperfect Imformation and Inclomplete Makets"; Warterly Journal of Economics, Bd. 101 (1986), S. 229-264

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  4. Daß der Markt nicht immer ein perfektes Ergebnis liefert, u. a., weil es Externalitäten gibt, bestreite ich doch gar nicht.
    Die entscheidende Frage ist aber doch, ob das Ergebnis besser wird, wenn sich der Staat einmischt. Der Staat liefert nämlich auch keine perfekten Ergebnisse.
    http://www.iea.org.uk/sites/default/files/publications/files/IEA%20Public%20Choice%20web%20complete%2029.1.12.pdf

    Und meine Bemerkung zur Mathematik bezog sich eher darauf, das schlüssige, endgültige Begründungen per Definition nicht möglich sind.
    http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchhausen-Trilemma

    Entweder man hilf sich mit Tautologien wie die VWL oder man benutzt Dogmen wie die Mathematik, auch wenn sie dort natürlich, etwas vornehmer, "Axiome" genannt werden.
    Das hat ein gewisser Herr Gödel schon vor hundert Jahren entdeckt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6delscher_Unvollst%C3%A4ndigkeitssatz

    Man sollte doch eigentlich erwarten können, daß ein Mathematiker von dieser Entdeckung schon einmal etwas gehört hat. Entweder hat der Autor des Traktats es nicht, dann hat er von seinem Fachgebiet keine Ahnung oder er ignoriert, daß diese Erkenntenis generell auf alle Bereiche zutrifft und wirft anderen Fachgewbieten trotzdem vor, daß sie keine endgültigen Begründungen liefern können. Dann ist er ein Heuchler.

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  5. "Die entscheidende Frage ist aber doch, ob das Ergebnis besser wird, wenn sich der Staat einmischt. Der Staat liefert nämlich auch keine perfekten Ergebnisse."

    Genau hier sollte die wirtschaftpolitsche Diskussion ansetzen. Man hat zwei Systeme mit Fehlern. Nun ist Frage welches in welcher Situation besser ist. Wo kann und sollte der Staat eingreifen und wo nicht. Diese differenzierte Betrachtung wird häufig vernachlässigt. So ist der Staat bei den Rentensystemen deutlich stärker als der private Sektor. Bei der Planung und Verteilung von Konsumgüter ist er deutlich schwächer. Stärker heißt in diesem Zusammenhang dann immer noch nicht perfekt oder ideal. Die gesellschaftlichen Kosten sind geringer als im anderen System.

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  6. Hayek versuchte dem Problem der mangelnden Letztbegründung dadurch auszuweichen, dass er offen ideologisch, die Ökonomen dazu aufforderte, Modelle dergestalt abzuliefern, dass sie das Postulat der Überlegenheit des Marktes stützen. Sie sollen zwar nicht völlig an den Haaren herbeigezogen werden und schon irgendwie mit der ökonomischen Faktenlage in Übereinstimmung gebracht werden, aber ansonsten der Politik mit mathematischem Formalismus vorgaukeln, dass Wettbewerb/Markt immer besser ist.

    Es gibt da eine große Ähnlichkeit zu den versch. Gottesbeweisen: die Existenz Gottes ist weder be- noch widerlegbar. Setzt man für „Existenz Gottes” „Überlegenheit des freien Marktes” ein, wird es offensichtlich: der freie Markt des Neoliberalismus gleicht Gott, dem sich alle zu unterwerfen haben.

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  7. "Sie sollen zwar nicht völlig an den Haaren herbeigezogen werden und schon irgendwie mit der ökonomischen Faktenlage in Übereinstimmung gebracht werden, aber ansonsten der Politik mit mathematischem Formalismus vorgaukeln, dass Wettbewerb/Markt immer besser ist."

    Stiglitz meint, dass man selbst mathematisch die Ineffizienz der Märkte nachweisen kann. Mathematische Modelle beruhen auf einer Reihe von Annahmen. Teilweise sind diese für das Standardmodell an den Haaren herbeigezogen. So werden vollständige Informationen und rationales Verhalten der Akteure vorrausgesetzt. Jedem ist klar, dass dies nicht der Fall ist. Aus diesem Grund wird die Annahme getroffen, dass gefundenen Modelle auch für kleine Abweichungen vom Ideal gelten. Dies kann widerlegt werden. An sich nicht überraschend. Chaotische Modelle sind sehr sensitiv gegenüber ihren Anfangsbedingungen.

    Zusammenfassend kann man also sagen, dass man mathematisch und empirisch die Fehlerhaftigkeit der Standardmodelle zeigen kann. Die Frage ist, warum sie noch so weitläufig in gebrauch sind.

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