Freitag, 24. November 2017

Gerechtigkeit

Der neueste Beitrag bei der INSM stellt das ganze Drama der neoliberalen Gedankenwelt sehr anschaulich dar. Wenn man sich fragt, wie man einem solch kruden ökonomsichen Modell anhängen kann, dann sollte man die Annahmen lesen die damit verbunden sind.
Das Problem der Gerechtigkeit existiert nicht. Denn

Der Haken an der Sache ist: Eine solche Tauschgerechtigkeit kann es gar nicht geben. Denn sie setzt voraus, dass Güter oder Leistungen einen objektiven Wert haben.

Nach dieser Logik dürfte sich kein neoliberaler Denker über den Mindestlohn beschweren. Wenn es keinen objektiven Wert gibt, wie will man definieren, welche Löhne zu hoch sind? Es geht nicht. Es ist eine soziale Entscheidung. Das diese Entscheidung unbedingt über eine Verhandlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern stattfinden muss, steht überhaupt nicht fest. Alle Teilnehmer an einem Tarifvertrag wissen das.
Gerecht aus liberaler Sicht:

Dafür muss eine Bedingung erfüllt sein: der Tausch muss freiwillig  ablaufen. Denn wer würde schon freiwillig einem schlechten, unnützen oder gar schädlichen Tausch zustimmen? Sofern sich alle Beteiligten einig sind, dass sie einen Tausch in vereinbarter Weise durchführen möchten, ist er – Betrug und Zwang ausgeschlossen – gerecht.

Diese Aussage ist richtig und es wäre schön, wenn die Welt so wäre. Nur ist es für viele Menschen eben nicht  die Realität. Niemand der nicht reich ist, kann sich beliebig sein Einkommenserwerb aussuchen. Niemand kann bei medizinischen Entscheidungen frei wählen, da die Expertise fehlt. Bei Finanzentscheidungen wie bei der Rente, muss man sich auf das Gegenüber verlassen können. Oft werden schädliche oder unnütze Produkte verkauft. Das ist dann angeblich eine Konsumentenentscheidung. Wer eine schlechte bezahlte Arbeit hat, ist selbst Schuld. Er hätte ja alternativ Hungern können. Der Glaube an die Freiwilligkeit in vielen Situationen macht den Neoliberalismus so perfide. Er schiebt die Schuld auf die Opfer und gibt den Tätern den Ablass.

Zur Verteilungsgerechtigkeit wird dann noch Folgendes geschrieben

Allgemein bedeutet Verteilung das Ausgeben aus einem Vorrat, und gerecht ist es, wenn die, die den Vorrat geschaffen haben (kriminelle  Aktivitäten ausgeschlossen), über dessen Verwendung entscheiden dürfen.

Und auch hier ist die Vorraussetzung, dass Vermögen einfach da sind. Wer definiert denn was kriminell ist? Es ist die Gesellschaft. Sklaverei ist heute Kriminell. Vor einigen hundert Jahren war sie es nicht. Muss man den Erben jetzt das Geld abnehmen? Die Familie Quandt wäre da mal zu fragen.
Selbst wenn man davon ausgeht, dass jemand sein Vermögen durch Fleiß erlangt hat. Wieso ist es in diesem Sinne ungerecht, die Vererbung hoch zu besteuern? Nach der Definition kann der Erbe nicht entscheiden. 

Die paar Punkte sollen darstellen, dass die Grundannahme der neoliberalen Ideologie ist, dass Menschen immer frei entscheiden können. Äußere Zwänge die ausgenutzt werden oder Machtasymmetrien die ebenfalls ausgenutzt werden, gibt es nicht. Nimmt man diese Annahmen an, dann gibt es viele Probleme einfach nicht und sie sind von neidischen Gutmenschen herbeifantasiert, um den armen Reichen Geld wegzunehmen. 
Da diese Annahmen so fehlerhaft sind, kann die INSM Klientel auch keinerlei Lösung gegen den Populismus anbieten. Sie ignorieren die Probleme und postulieren sie seien nur gefühlt. Ihre Lösung werden Verbote und Zensur sein. Tendenzen dazu sieht man. 

Chris

Kommentare:

  1. Ich hatte gestern versucht, einen Kommentar zu posten. Er war zu lang. Hier ist eine Kurzfassung. Die lange findest Du unter meinem Profillink.

    Die Gerechtigkeit ist eine Frage des Blickwinkels. Der Sklave hat ganz sicher eine andere Meinung als sein Herr, der Unternehmer eine andere als sein Mitarbeiter, der Banker eine andere als der Kreditnehmer, der Vermieter eine andere als der Mieter. Daher ist Gerechtigkeit ein gutes Thema, um einen Streit zu beginnen.

    Die Autorin des Blogbeitrages (INSM) hat Recht, wenn sie meint, dass Waren und Dienstleistungen keinen objektiven Wert haben. Menschen und Boden aber auch nicht. Das ist einer der Knackpunkte der Ökonomie. Ein Wert ist das Ergebnis einer Schätzung oder Messung. Die Schätzung ist selbsterklärend subjektiv. Kann damit nicht die Grundlage einer Wissenschaft sein. Die Messung ist ein empirischer Vorgang und benötigt einen definierten Wertmaßstab. Ein Kilogramm für die Masse, ein Meter für die Länge u.s.w. Die Ökonomie hat keinen definierten Wertmaßstab. Geld ist nicht definiert. Nirgendwo ist festgelegt, was ein Dollar, Yen, Euro, Rubel … ist. Das heißt in Kurzform: Bewertung von Waren und Dienstleistungen in Geld (auch ohne) ist immer subjektiv und willkürlich.

    In der Tat ist es so, dass niemand mit wissenschaftlicher Exaktheit definieren kann, welche Löhne zu hoch sind. Es kann auch niemand schlüssig beweisen, ob Mindestlohn, HartzIV oder Renten ausreichend sind. Alles, was in der Ökonomie mit Werten und Preisen zusammenhängt ist willkürlich. Willkür ist die Grundlage dieser Gesellschaft, wie auch aller anderen Gesellschaften der letzten Jahrtausende. Willkür der Eigentümer gegenüber den Eigentumslosen.

    Noch ein paar Worte zum Tausch. Zunächst die Frage, was tauschen Künstler, Beamte, Ärzte, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Soldaten, Anwälte, Putzfrauen, Busfahrer, Aktienbesitzer, Immobilienvermieter, Polizisten, Wissenschaftler, Politiker, Profisportler …? Nichts. Sie haben gar nichts zum Tauschen und wie ich oben gezeigt habe, ist ihre Leistung nicht objektiv bewertbar. Was hat der abhängig beschäftigte Arbeiter, Fischer oder Bauer zum Tauschen. Nichts. Auch ihre Leistung ist nicht objektiv bewertbar. »Tauschgerechtigkeit« und »Leistungsgerechtigkeit« gibt es nicht (, sonst müssten Shareholder und Menschen, welche ihr Einkommen aus Renten (keine Altersrenten u.ä.) beziehen, verhungern)...

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    1. Ich stimme dir komplett zu.

      Bei deinem letztgenannten Punkt würden Ökonomen dann sagen, dass der Markt die Leistungsbewertung vornimmt und jedem auf magische Art und Weise das richtige Einkommen zukommen lässt.
      Diese Argumentation ist absurd. Wenn niemand Leistung objektiv messen kann, dann kann die Summe eben auch nicht objektiv sein.

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    2. Da hast Du recht. Auch die Bewertung durch den »Markt« (Was immer das sein soll. Den Markt gibt es nämlich nicht. Das ist ein Stück aus der Propagandakiste. Man unterscheidet Marktformen - Monopol, Oligopol und Polypol. Die »Politiker« meinen eigentlich die großen Kapitalsammelbecken, trauen es sich nur nicht zu sagen. Deshalb »die Märkte«) bleibt willkürlich und subjektiv.

      Die Frage ist: Wollen wir« Ökonomen oder Humanisten sein. Man sollte sich nicht auf Kapitalismus oder Neoliberalismus einschießen. Das ist die große Nebelkerze für konditionierte Menschen. Kapital ist kein Geld, sondern eine Bilanzgröße. Das sind zwei Paar Schuhe. Äpfel und Birnen. Die Gesetzgeber ermöglichen, dass das Eine aus dem Anderen entstehen kann.

      Ich merke, dass es wieder lang werden könnte und stoppe an dieser Stelle.

      Das gute und friedvolle Leben aller Menschen lässt sich erreichen, wenn man sich Grundsatzfragen widmet. Umverteilung ist nichts weiter als »Systemoptimierung«. Dabei sind humanistische Lösungen gar nicht so kompliziert und langwierig. Sie sind nicht politisch gewollt.

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    3. Ich weiß nicht, ob die Lösungen politisch nicht gewollt sind. Zum Finden von Lösungen müsste man erst einmal das Problem verstehen. Daran scheitern viele Menschen sofort. Für mich ist das nachvollziehbar. Wenn man unsere aktuelle Wirtschaftsform hinterfragt und verbessern will, muss man wesentliche Annahmen die das eigene Lebeng geprägt haben umwerfen.

      So ähnlich muss das bei der Sklaverei gewesen sein, oder der Kinderarbeit.

      Für diejenigen die Entscheiden müssen, kommt hinzu, dass sie in einer sehr bequemen Situation sind. Sie profitieren vom System.

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    4. Natürlich muss man das verstehen, was man ändern möchte. Keine Frage. Aber um zu verstehen, muss man ein Problem hinterfragen. Auf die Gesellschaft übertragen, würde dazu ein (politischer) Wille notwendig sein. Der ist für mich an KEINER Stelle erkennbar.

      Besser und schlechter fallen für mich in die gleiche Kategorie wie »Gerechtigkeit«. Was für den einen besser ist, kann für den anderen schlechter sein. In einer Wettbewerbswirtschaft, die auf Haben und Soll beruht, kann der eine nur mehr bekommen, wenn der andere weniger hat. Das wird zu immer neuen Problemen führen.

      Dass wenige Menschen ihren Nutzen aus der Leistung von vielen Menschen ziehen, ist seit Jahrtausenden so. Der sogenannte »Kapitalismus« ist aus dieser Sicht nichts besonderes, sondern nur die logische Fortsetzung mit anderen Mitteln. Verbessert für die Eigentümer, weil die Verschleierung perfektioniert wurde. Verschlechtert für die Eigentumslosen, weil der Grad der Ausbeutung sich unbemerkt vervielfacht hat.
      Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik täuscht. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden immer nur modifiziert, nie wirklich verändert.

      An dieser Form der Wirtschaft und Verteilung kommt jede »Verbesserung« einer Perfektion der Ausbeutung gleich. Wenn man das »Falsche« perfekt macht, ist es perfekt »falsch«. Warum sollte man etwas, was nicht für alle gut funktioniert, perfektionieren/verbessern wollen?

      Diejenigen, die entscheiden müssen, sind Du und ich. Es gilt, andere Wege zu gehen, die für alle gut und effektiv (nicht effizient) sind.

      P.S.: Die Sklaverei (später auch das Kolonat) ist nie wirklich überwunden worden. In der Langfassung meines ersten Beitrages verwies ich darauf.

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    5. Deiner Antwort kann ich nur Zustimmen, wenn du eine weltweite Betrachtung heranziehst. Den ärmeren Gesellschaftsschichten in den noch halbwegs bestehenden Sozialdemokratien geht es im Vergleich zu früheren Jahrhunderten noch einigermaßen gut.
      Recht gebe ich dir insoweit, dass wir nicht im Ansatz so etwas wie Eigentum hinterfragen. Wenn man Eigentum wirklich bis ans Ende denkt, dann ist kein Megareichtum legitmiert. Der gesamte Kapitalismus steht dann auf tönernden Füßen. Der Mythos der Leistungsgerechtigkeit erst recht.

      Widersprechen muss ich allerdings, dass die Verschleierung verbessert wurde. Ich denke sie hat sich geändert. Der Mythos des Adels war die Gottesgnade. Der Mythos des Bürgertums ist der Markt und die Leistung. Beides nicht fassbare und nicht messbare Begriffe. Wenn du in einem der beiden Systeme Erfolg hast, dann hast du Gottes Gnade, bzw. du lieferst eine hohe Leistung ab. Während die physikalische Leistung messbar ist und keineswegs Superreiche zulassen würde, ist ökonomische Leistung ein Märchen.

      Letztenendes ist die Ressourcenverteilung ein soziales Konstrukt, welches auf akzeptierten sozialen Regeln und Verträgen beruht.
      Die meisten Pseudoökonomen begreifen das nicht. Sie suchen nach einer mystischen Wahrheit und nach unabänderlichen Gesetzen. Die gibt es aber im Gegensatz zur Physik (und auch da ist man sich nicht sicher) nicht.

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    6. Ich denke, dass wir mit unseren Ansichten, zu diesem Punkt, nicht sehr weit auseinander liegen.

      Trotzdem noch eine Anmerkung zum Eigentum. Ich habe rein gar nichts gegen selbstgenutztes Privateigentum. Schon gar nicht gegen »Oma ihr klein Häuschen«. Die Probleme sehe ich darin, wenn aus Eigentum leistungsloses Einkommen entsteht. Das ist es, was man seit Jahrtausenden hat. In der Gegenwart sind solche Einkommen die Höchsteinkommen.

      Diese Verteilungsregel ist willkürlich. Ob sie sozial und akzeptiert ist lasse ich mal jetzt offen. Sie ist jedenfalls sehr gut versteckt/verschleiert. Ich habe es an dieser Stelle ausführlich herausgearbeitet:
      https://denkstaette.github.io/2016/09/22/asoziales-system/

      P.S.: Die Ökonomie hat Paradigmen. Knappheit oder das Gesetz von Angebot und Nachfrage sind solche.
      Daher nehme ich Ökonomen ihre Ansichten nicht übel. Sie können nicht aus ihrem zweidimensionalen Denkgefängnis des Verteilungskampfes heraus. Weder von »links« noch von »rechts« oder durch die »Mitte«.

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    7. "nicht sehr weit auseinander liegen."
      Das denke ich auch.

      "Ob sie sozial und akzeptiert ist lasse ich mal jetzt offen."
      Meine Definition von "Sozial akzeptiert" ist, wenn es nicht hinterfragt wird. Niemand hinterfragt, dass töten verboten ist, daher ist es sozial akzeptiert.

      Das Eigentum und seine Erlangung wird nicht hinterfragt. Ein Herr Gutenberg stammt von Raubrittern ab. Eine Familie Quandt hat Teile ihres Vermögens über Zwangsarbeiter erlangt, usw. Die Frage ist, wann aus Unrecht, Recht werden konnte. Wenn Vererbung von hohen Vermögen unmöglich wäre, würde sich eine solche Frage nicht stellen.

      Die leistungslosen Einkommen sind ein Problem. Erstaunlicherweise sind die Bezieher solcher Einkommen jene, die von einer sozialen Hängematte reden. Dabei liegen sie in einem sozialen Wasserbett. Jeder Mensch der leistungslose Einkommen bezieht, bekommt dieses Geld von irgendjemandem. Wenn der Staat dies über die Sozialsysteme organisiert ist die Empörung über die Kosten hoch. Wenn unser Wirtschaftssystem eben solche Umverteilung über privatrechtliche Verträge, welche unendlich verwoben sind, geregelt ist, dann stört es niemanden. Da beschwert man sich sogar, dass die Zinsen niedrig sind. Dabei bedeuten höher Zinsen, dass man mehr Transfer leistet, wenn man unten hockt.
      Das perfide ist, dass 90% unten hocken und es nur 20% merken und 10% wahrhaben.

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  2. Jetzt verstehe ich »Deine« soziale Akzeptanz. Die beruht darauf, dass den Menschen das Wissen fehlt oder sie fehlgeleitet werden (zum Beispiel durch Bildung, Medien und Politik). Da stimme ich Dir zu. Die leistungslosen Einkommen aus Vermögen sind kein Thema in der Gesellschaft. Sie sind wie von einem Nebel verschleiert. HartzIV ist dafür in aller Munde. Die perfekte Ablenkung.
    Stanislaw Jerzy Lec schrieb einmal: »Ich hätte viele Dinge begriffen, hätte man sie mir nicht erklärt.«. Ich denke, dass es in diese Richtung geht. Viele Menschen sind gar nicht in der Lage, grundlegende Fragen zu stellen, weil sie es nie lernten oder sie ideologisch geblendet werden/wurden.

    Zur Geschichte von Vermögen/Eigentum gäbe es sicherlich, viel zu erforschen. Dazu findet sich hier https://denkstaette.github.io/2016/12/07/reich-bleibt-man/ ein kleiner Beitrag (fremde Federn). Dabei geht es um eine Studie der Banca D‘Italia, welche den Reichtum in der Stadt Florenz seit dem Jahr 1427 (also lange vor dem sogenannten »Neoliberalismus«) untersucht. Mit einem erstaunlichen, aber nicht verwunderlichen Ergebnis.

    Mich interessiert Eigentum und Vermögen von »wohlhabenden« Menschen nur in soweit, wie man eine gesellschaftliche Transformation organisieren kann, ohne ihnen etwas wegzunehmen und trotzdem alle gewinnen können. (Aus einem Nullsummenspiel zum Plussummenspiel.) Das heißt auch, diesen Menschen die Angst vor Veränderung zu nehmen, um einen friedlichen Weg gehen zu können. Vom »staatlichen« Umverteilungswahn halte ich gar nichts. Er beruht auf einer mechanistischen Weltanschauung, ist visionslos und schafft ständig neue Konflikte. Dabei hat die Geschichte längst gezeigt, dass es Lösungen geben kann.

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    1. "Dabei hat die Geschichte längst gezeigt, dass es Lösungen geben kann. "
      Da gebe ich dir Recht. Allerdings müssten hierfür die Probleme erkannt, verstanden und diskutiert werden. Das sehe ich in der öffentlichen Debatte nicht. Da diskutiert man lieber ob es eine Obergrenze für Flüchtlinge geben sollte und/oder wie man diese dann bezeichnet.
      Man spekuliert lieber darüber ob ein Anschlag nun Terror war oder doch nur Mord.
      So lange das die zentralen Punkte des Diskurses sind, ändert sich nichts.

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