Dienstag, 16. Juni 2015

Man kann nur noch schreien

SPON analysiert das Wachstum der Spitzenvermögen. Die Zahl der Millionäre ist dramatisch gestiegen. Auf allen Kontinenten legen die Reichen zu. Selbst

In Westeuropa fiel das Wachstum mit 6,6 Prozent auf 39,6 Billionen Dollar wesentlich bescheidener aus - angesichts der wirtschaftlichen Flaute durch die Eurokrise aber immer noch beeindruckend.

Man könnte auch interpretieren, dass alle geben, damit oben genommen werden kann. Besonders der letzte Abschnitt ist spannend.

Die Studie legt zudem nahe, dass die Vermögen nicht nur sehr ungleich verteilt ist - sondern auch, dass diese Ungleichheit weiter zunimmt. So besaßen (Dollar-)Millionärshaushalte im vergangenen Jahr 41 Prozent des gesamten privaten Geldvermögens. Im Jahr 2013 war es noch ein Prozent weniger. Die Zahl der Millionärshaushalte wuchs 2014 von 15 auf 17 Millionen (plus 13,3 Prozent), die meisten davon in den USA (sieben Millionen Haushalte), gefolgt von China (vier Millionen Haushalte). Bis zum Jahr 2019 werden Millionäre bereits 46 Prozent des weltweiten Geldvermögens besitzen, prognostizieren die BCG-Experten.

Es wird also eine massive Konzentration der Vermögen an der Spitze festegestellt. Die Ursache wird auch präsentiert.

Warum vor allem die Reichen immer reicher werden, geht ebenfalls aus der Studie hervor. Von dem enormen Vermögenszuwachs im vergangenen Jahr wurden lediglich 27 Prozent wirklich neu angespart, etwa aus dem Arbeitseinkommen. Der weitaus größere Teil des neuen Reichtums, nämlich 73 Prozent, entspringt dem alten Reichtum: Es sind Zinsen oder andere Erträge des bereits angelegten Kapitals. 

Das alles ist also bekannt. Nicht durch Innovationen wird man reich, sondern durch bestehenden Reichtum wird man noch reicher. Trotz dieses Wissens sind in Deutschland Kapitaleinkommen niedrig, Vermögen gar nicht und Erbschaften absurd niedrig besteuert. Warum das auch aus liberaler Sicht sinnvoll wäre kann man sich schnell klar machen. Man muss nur in die jüngere Vergangenheit schauen. Diejenigen die sehr viel Geld haben, haben in der Regel viel Einfluss auf die Politik. Die Bankenrettung kam gerade jenen zu Gute die viel Geld haben. Man begibt sich von einer staatlichen Unterdrückung die wenigstens demokratisch beeinflusst werden kann, hin zu einer plutokratischen Unterdrückung ohne jede Chance der Beeinflussung. Wenn diese Plutokraten wenigstens durch eine Leistung aufgefallen wären, die ihren Reichtum legitimiert, könnte man es sich schönreden. Geerbter Reichtum ist für den neuen Reichtum verantwortlich. Somit ist die Leistung eigentlich nur, dass die Eigentümer geboren wurden. In meinen Augen ist das mit der neoliberalen Ideologie schwer vereinbar. Dort soll Leistung zählen und die gesellschaftlichen Schmarotzer sollen nichts kriegen. 

Milliardäre die von ihren Vermögen leben, kriegen ihre Zinsen und Güter von der gleichen Gesellschaft wie der Sozialhilfeempfänger. Nur der Weg der Zuwendung ist ein anderer.

Chris

Kommentare:

  1. „Somit ist die Leistung eigentlich nur, dass die Eigentümer geboren wurden. In meinen Augen ist das mit der neoliberalen Ideologie schwer vereinbar. Dort soll Leistung zählen und die gesellschaftlichen Schmarotzer sollen nichts kriegen.”
    Hayek, der Gesellschaftstheoretiker des Neoliberalismus, baute seine Argumentation nicht auf dem Leistungsgedanken auf. In seiner Constitution of Liberty heißt es sinngemäß: Während Leistung irgendwie messbar sein müsste, können angeborene Gaben wie eine schöne Stimme zweifelsohne einen Wert für die Mitmenschen haben. Besonders deutlich wird die Unmöglichkeit nach Leistung zu bewerten z.B. auf dem Gebiet der Forschung, weil es auch zufällige Entdeckungen geben kann. Daher sollten sich die Menschen vom Wert leiten lassen, den andere den Resultaten ihrer Handlungen zumessen (Hayek 2011/1960, The Constitution of Liberty, S. 158f.).

    Freilich lesen Politiker die neoliberalen Schriften so gut wie nie, bekommen ihre Ideen eher von Think Tanks und von den VWL-Fachbereichen der Universitäten. Diese Ideen sind oft ohne Zusammenhang, doch ist der zur Umsetzung der neoliberalen Ideologie auch gar nicht nötig. Der Grundgedanke „mehr Markt” als Lösung aller Probleme ist z.B. kompatibel damit, von Leistung zu schwadronieren. Das Ziel des Neoliberalismus ist die Restauration der guten alten Zeit Großbritanniens um 1875, in der man ganz ohne Sozialklimbim auskam. Erfrischend geringe Lebenserwartung für die Subalternen, daher keine hohen Altersrentenausgaben usw..

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    1. Danke für den interessanten Einwand. Es stimmt schon, es ist viel schwerer gegen eine Umverteilung zu argumentieren, wenn Wohlstand zufällig erlangt worden ist. Da schreibt man lieber etwas über Leistung und dann passt das schon.

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  2. Noch eine Ergänzung: Wenn ich mich recht entsinne, soll das Leistungsprinzip nach Hayek innerhalb der Unternehmen aufrechterhalten werden, nur sollte man sich hüten, die Offene Gesellschaft oder Great Society damit zu legitimieren, wenn - so könnte man hinzufügen - man mit Leuten redet, die argumentieren können. M.a.W., der Pöbel soll ruhig weiterhin glauben, dass das Leistungsprinzip gilt. Gegenüber gebildeteren Leuten gibt man es preis und warnt vor den Konsequenzen für die Freiheit des Marktes (der Unternehmer und Privatiers) mit dem Dämon des Stalinismus/Totalitarismus im Hintergrund.

    Es ist dieses Zwiesprech, das den Neoliberalismus als Diskursphänomen auszeichnet. In den letzten Jahrzehnten gab es eine Fülle von Beispielen, dessen hervorstechendstes wohl die Umdeutung des Begriffs Reform darstellt.

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